Ingo Frost
Pumacy Technologies AG, Wissensmanagement
ingo.frost ( a t ) pumacy.de
Vor zehn Jahren hätte man den Begriff Partizipation insbesondere mit einer aktiven Bürgerschaft und deren Teilhabe an Gesellschaft und Politik assoziiert. Heute taucht er als ein Schlüsselbegriff der Technologien rund um Web 2.0 immer wieder auf.
In diesem Beitrag werden beide Auslegungen getrennt von einander vorgestellt, schließlich zusammengeführt und so das Konzept der WikiCiety eingeführt. Da sich das Internet (zum Beispiel durch Wikipedia) als auch die aktive Zivilgesellschaft (beispielsweise in Form von Nichtregierungsorganisationen und Bewegungen) in einem rasanten Wandel befinden, wird ihre evolutionäre Entwicklung skizziert und dann jeweils charakterisiert.
Eine Besonderheit westlicher Demokratien ist die heutige Rolle der Zivilgesellschaft. Die Bedeutung und die Aktivitätsfelder haben sich stark gewandelt. Dies wird anhand von drei Entwicklungen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs oder „zivilgesellschaftliche Organisationen“) verdeutlicht (vgl. Schrader 2000). Die NGOs stehen als Akteure des Dritten Sektors zwischen Staat und Wirtschaft und grenzen sich deutlich von ihnen ab.
Vor dem Zweiten Weltkrieg
Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen erste grenzüberschreitende nichtstaatliche Organisationen. Zwischen 1850 und 1939 werden ca. 6000 Konferenzen zur Artikulation von Anliegen unabhängig von staatlichen Vorgaben und Einrichtungen veranstaltet. Dabei stehen soziale, humanitäre, religiöse, fachliche und berufsständische Interessen im Vordergrund. Fast alle NGOs stellen ihre Arbeit während des Zweiten Weltkriegs ein.
Zur Zeit des Eisernen Vorhangs
Nach der Gründung der Vereinten Nationen erhalten NGOs das erste Mal einen formellen Status und sind insbesondere im Bereich der Völkerverständigung und Friedenssicherung aktiv. Während der Sozialen Bewegungen in den 60er und 70er Jahren werden nach dem Wiederaufbau „nichtmaterielle”-Ziele angestrebt. Neben der Forderung nach weitgehenden demokratischen Partizipations- und Entfaltungsmöglichkeiten stehen folgende Themen im Mittelpunkt:
Durchsetzung von Menschen- und Bürgerrechten,
Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen,
die substanzielle Gleichberechtigung von Mann und Frau,
nachhaltige Gewährleistung von Frieden (Kalter Krieg, Vietnamkrieg) und
Umweltschutz.
Gleichzeitig entsteht eine neue Generation von NGOs (z.B. Amnesty International, Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen). Sie kennzeichnen sich dadurch, dass starke Persönlichkeiten verstreute Gruppen vernetzen und sie zu handlungsfähigen Organisationen formen.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs
Nach Beendigung des Ost- Westkonflikt gelangt den NGOs der Durchbruch bei der UN. 1996 wird eine Beteiligung von NGOs in allen Bereichen ermöglicht. Die Kompetenzen der NGOs werden zu einem unverzichtbaren Beitrag bei der Entwicklungs-, Umwelt- und Menschenrechtspolitik - aber auch der Einfluss auf Wirtschafts- und Finanzinstitutionen nimmt zu. Die neuen Informationstechnologien funktionieren in Netzwerken und Organisationen mit geringen Hierarchien optimal. Somit entsteht eine Begünstigung gegenüber staatlichen, stark hierarchischen Organisationen. Es bildet sich eine grenzüberschreitende Öffentlichkeit heraus.
Evolution
Die Entwicklung der NGOs zeigt einen deutlichen Wandel bezogen auf die Themen die sie bearbeiten als auch auf die Organisationsform, die heute mit modernen Informationstechnologien eng verknüpft ist (Schrader 2000: 25).
Freiwillige Beiträge innerhalb einer NGO verwandeln sich, gekoppelt mit der Gewissheit, dass andere diese auch erbringen, in stabilisierende Muster. Dabei wirken Freiwilligkeit und soziale Verpflichtung zu einer Form der Solidarität zusammen, die auf einem reziproken Muster von Geben und Nehmen beruht und die gesellschaftliche Selbstorganisation ermöglicht (Adloff 2005: 154).
Betrachtet man Wikipedia im Rückblick kann man verschiedene Entwicklungsstränge identifizieren, die zum Erfolg des Projektes geführt haben. Einer davon ist die Open Source-Bewegung (Frost 2006: 23 f).
Die Open Source-Bewegung
5. Okt. 1991 – Die Entscheidung des finnischen Informatikstudenten Linus Torvalds ein eigenes Betriebssystem gemeinsam mit anderen zu entwickeln, ist dabei in mehrerer Hinsicht erwähnenswert. Erstens wirkt es utopisch allein ein Betriebssystem programmieren zu wollen. Zweitens scheint es irrational den Quellcode nicht durch klassische Urheberrechte zu schützen und nicht auf einen wirtschaftlichen Gewinn zu spekulieren. Dennoch entwickelte sich eine neue Organisationsform zur Entwicklung von Software. Durch die spezielle Lizenzierung (z.B. die General Public License) steht die Software dann allen frei zur Verfügung. Somit etablierten sich Entwicklergemeinschaften im virtuellen Raum rund um einzelne Softwareprojekte. So erschien im März 1994 die Version 1.0 des Betriebssystems GNU/LINUX. Im Jahr 2001 gab es schätzungsweise 30 Millionen Linuxinstallationen weltweit, Tendenz steigend. Durch das neue Entwicklermodell entstanden Open Source-Softwareprojekte über fast die gesamte Softwarepalette hinweg (Grassmuck 2002: 227 ff).
Open Source Programmierer benutzen meist ihre Software selbst und passen sie ihren Anforderungen an. Gleichzeitig helfen andere Fehler zu finden. Durch diese Konstellation besteht auch ein persönlicher Nutzen daran, Software gemeinsam in einem offenen Prozess zu entwickeln. Programmierer, die sich sehr in ihre Tätigkeit vertieft haben (sogenannte Nerds), werden häufig als Außenseiter wahrgenommen. So wurde auch die Open Source-Bewegung und ihre gesellschaftliche Rolle erst relativ spät analysiert (z.B. durch Grassmuck 2002).
Die Internetenzyklopädie Wikipedia
15. Jan. 2001 – Die englischsprachige Wikipedia-Ausgabe beginnt mit wenigen Artikeln und wird beim Vorgängerprojekt Nupedia als „fun project“ angekündigt. Selbst Optimisten gehen zu diesem Zeitpunkt nicht davon aus, dass in wenigen Jahren die weltgrößte mehrsprachige Enzyklopädie entsteht.
Auch hier findet sich das utopische Moment wieder: Es scheint unmöglich auf einer Webseite bei der jeder alles ändern kann, gute Enzyklopädie-Artikel zu entwickeln. Die Motivation zur Mitarbeit scheint höchst irrational, da die Enzyklopädie für einen selbst nicht nützlicher wird, wenn man sein eigenes Wissen einbringt.
Wie bei der Open Source-Softwareentwicklung bietet es sich auch hier an, zwischen Community und Produkt zu differenzieren. Das Produkt sind die Lexikonartikel an sich, die aus dem kollaborativen Prozess der Community entstehen. Sie werden der Internetöffentlichkeit auf der Webseite zur Verfügung gestellt und im Laufe der Zeit immer besser angenommen. Wikipedia rangiert heute als nichtkommerzieller Exot unter den 10 beliebtesten Webseiten (laut Alexa-Ranking, Stand März 2008). Jeder einzelne Artikel wird in einem evolutionären Prozess weiterentwickelt und verbessert, doch gleichzeitig wächst Wikipedia fast exponentiell. Somit entsteht der Effekt das die durchschnittliche Qualität automatisch sinkt: Es sind immer mehr neue unausgereifte Artikel in der Wikipedia vorhanden.
Auf der anderen Seite wächst auch die Community in enormem Ausmaß. Immer mehr Freiwillige engagieren sich in der Wikipedia. In der deutschsprachigen Community beträgt die Anzahl der aktiven Benutzer ca. 3000 (Stand 5/2007)1. Dabei haben sich neben fest anerkannten Grundsätzen und Zielen weit gefächerte Aufgabenbereiche, Rollen und sogar Ämter, Kandidaten und Wahlen etabliert.
4. August 2005 – Die erste internationale Wikipedia Konferenz findet in Frankfurt statt. Bis dahin hatten viele der Wikipedia-Community nicht zugetraut auch außerhalb des Internets zusammenzuarbeiten und beispielsweise eine große internationale Konferenz zu organisieren. Die Aktivitäten der Wikipedia-Community sind also keineswegs auf das Internet begrenzt.
Handelt es sich bei Wikipedia um ein Beispiel einer neuen Generation von NGOs mit dem gemeinsamen Ziel unabhängig von Staat und Wirtschaft Wissen frei zugänglich zumachen? Sind solche virtuelle Gemeinschaften somit ein Teil der aktiven Zivilgesellschaft?
Definition
WikiCiety bezeichnet die zivilgesellschaftliche Dimension („Society“, nicht profitorientiert, staatlich unabhängig) minimalistischer, kollaborativer Internetwerkzeuge und Plattformen (Wiki-Software, Web 2.0 etc.).
Das Ideal der WikiCiety
Zivilgesellschaftliche Akteure mit ähnlichen Interessen und Anliegen können zueinander finden. Gleichzeitig können sie sich auf einer Plattform austauschen, Tätigkeiten organisieren, Inhalte bereitstellen und sogar gemeinsam Inhalte produzieren. Durch das Internet lassen sich Personen auch ohne Berichterstattung in den Massenmedien erreichen.
Besondere Kennzeichen
Motivation für Freiwilligenarbeit im Internet verhält sich ähnlich wie bei klassischem zivilgesellschaftlichem Engagement (Frost 2006, Schroer 2007). Gleichzeitig zeigt sich in Deutschland der Trend vom Ehrenamt zu flexibler Projektarbeit. Die Mitarbeit in virtuellen Communitys kann sogar anonym und punktuell erfolgen.
Generativität (Erikson 1950) besteht als Motiv etwas Bleibendes in der Welt zu hinterlassen und der nächsten Generation weiterzugeben (z.B. Vermittlung von Wissen auf freiwilliger Basis).
Wichtige Eigenschaft ist das Konsensprinzip: Sobald etwas durchgesetzt werden soll, was ein großer Teil der Freiwilligen nicht tragen will, kann sich dieser Teil von der Organisation lösen. Bei Open Source-Projekten wird dieser Effekt als Code-Forking bezeichnet.
Kritische Aspekte
Wenn Wikipedia als Freiwilligenorganisation der WikiCiety und somit als neuartige NGO aufgefasst wird, die im Bereich Zugang zu Wissen aktiv ist, werden auch kritische Aspekte zu dieser Sichtweise deutlich:
In der Open Source-Bewegung, wie auch bei Wikipedia ist der Frauenanteil erstaunlich gering. Bei Wikipedia wird er auf unter 20% geschätzt (Schroer 2007).
Persönlicher Kontakt zur gleichen Zeit am gleichen Ort ist in virtuellen Gemeinschaften eher die Ausnahme. Eine zentrale Motivation für Engagement ist jedoch genau dieser soziale Aspekt.
Qualitätsmanagement ist immer noch eine Herausforderung in vielen Communitys. Zur Zeit steht bei Wikipedia die Zusammenarbeit mit Universitäten noch Anfang.
Der Zugang zu Wissen ist so zentral, dass dieser nicht ausschließlich Freiwilligen überlassen werden sollte.
Ausblick
Das Konzept der WikiCiety wurde vorgestellt und an der deutschsprachigen Internet-Community Wikipedias exemplarisch gezeigt. Die Motivation zur Beteiligung konnte so aus reziproken Mustern von Geben und Nehmen als auch aus dem Konzept der Generativität begründet werden und folgt genau dem Ansatz mit dem Motivation zu klassischer Freiwilligenarbeit begründet werden kann.
Somit kann Engagement im Sinne von Partizipation aufgefasst und die Lücke zwischen klassischer Partizipation und Partizipation im Sinne des Web 2.0 geschlossen werden.
Gleichzeitig wird die Zivilgesellschaft durch die neuen Möglichkeiten der Vernetzung und Organisations- und Koordinationsmöglichkeiten in die Lage versetzt Wissen z.B. in Form eines Lexikons (Wikipedia) frei zugänglich zu machen (kollaboratives Wissensmanagement). Doch auch andere globale Probleme können nur durch globale Kooperationen gelöst werden; die WikiCiety könnte dabei eine Schlüsselrolle einnehmen.
Adloff, Frank, 2005, Zivilgesellschaft, Theorie und politische Praxis. Frankfurt/Main. Campus Verlag.
Erikson, H. Eric, 1950 Childhood and Society. New York. Norton.
Frost, Ingo, 2006, Zivilgesellschaftliches Engagement in virtuellen Gemeinschaften. Eine systemwissenschaftliche Analyse des deutschsprachigen Wikipedia-Projektes. München. Herbert Utz Verlag.
Grassmuck, Volker, 2002, Freie Software. Zwischen Privat- und Gemeineigentum. Bonn. Bundeszentrale für politische Bildung.
Schrader, Lutz, 2000, NGOs – eine neue Weltmacht? Nichtregierungsorganisationen in der internationalen Politik. Potsdam. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung.
Schroer, Joachim, 2007: Voluntary Engagement in an Open Web-based Encyclopedia: Wikipedians, and why they do it, Manuskript eingereicht zur Publikation.
1vgl. http://stats.wikimedia.org/DE/PlotsPngWikipediansEditsGt5.htm (zuletzt abgerufen 1.8.2007)