Über den Begriff German Angst bin ich das letzte Mal bei den Antiatom-Protesten nach dem Supergau in Fukushima gestolpert. Das war ein diffuser Erklärungsversuch, warum die Antiatomproteste stärker ausgefallen sind als in den Nachbarländern Deutschlands. Ich habe mich nicht weiter damit befasst, weil es generell schwierig ist mit Risiken angemessen umzugehen – schon deshalb weil es extrem schwer ist für uns Menschen Risiken rational einzuschätzen. Aber selbst das ist häufig gar nicht möglich, da eben viele Risikofaktoren kaum bekannt sind, weshalb ein intuitiver, nicht-rationaler Umgang gar nicht so schlecht ist.

Spannend war die Lektüre in der aktuellen Oya des Artikels

Wir haben unsere Seelen verkauft
Lara Mallien sprach mit Martin Häusler über sein neues Buch »Fürchtet euch nicht! Die Vertreibung der Deutschen Angst.«

Während man im Wikipedia-Artikel über German Angst mehr über die Herkunft des Begriffs und dessen Verwendung erfährt, wendet Martin Häusler den Begriff auf heute – der Zeit des Wandels und der Krisen – an. Dazu hier einige Ausschnitte des unter Creative Commons lizenzierten Oya-Artikels:

Es fing während der Weltfinanzkrise von 2008/2009 an, mich zu beschäftigen. Ich merkte, wie das Angstpotenzial um mich herum rapide anstieg. Freunde wurden vom Burnout heimgesucht, weil sie sich dem Druck in ihrer Firma nicht entziehen konnten, andere wurden depressiv, weil ihre Altersversorgung, mit denen die Banken gezockt hatten, verschwunden war. Und ich hörte sogar Geschichten von Bekannten, deren Freunde sich nach Geschäftsbankrott die Kugel gaben. Ich las Studien, die diesen beobachteten wie gefühlten Zustand bestätigten: Die Deutschen haben so viel Angst wie noch nie. Und sie waren psychisch noch nie so krank wie heute.
Dieses deutsche Grundgefühl erklärt der Politikwissenschaftler Manfred Schmidt mit der kollektiven Erinnerung an Krieg, Vertreibung, Flucht, massenhaften Tod und die ökonomischen Traumata wie die Hyperinflation von 1924 oder die Währungsreform von 1948. Das habe den »gesamten Gesellschaftskörper« durchgeschüttelt, sagt er. ­Jedes Ereignis, das unsere materielle Sicherheit bedrohen könnte, führt somit zu kollektiven Ängsten. Mich interessierte, wie wir diese Angst wieder loswerden.

(…)

Es fing während der Weltfinanzkrise von 2008/2009 an, mich zu beschäftigen. Ich merkte, wie das Angstpotenzial um mich herum rapide anstieg. Freunde wurden vom Burnout heimgesucht, weil sie sich dem Druck in ihrer Firma nicht entziehen konnten, andere wurden depressiv, weil ihre Altersversorgung, mit denen die Banken gezockt hatten, verschwunden war. Und ich hörte sogar Geschichten von Bekannten, deren Freunde sich nach Geschäftsbankrott die Kugel gaben. Ich las Studien, die diesen beobachteten wie gefühlten Zustand bestätigten: Die Deutschen haben so viel Angst wie noch nie. Und sie waren psychisch noch nie so krank wie heute.
Dieses deutsche Grundgefühl erklärt der Politikwissenschaftler Manfred Schmidt mit der kollektiven Erinnerung an Krieg, Vertreibung, Flucht, massenhaften Tod und die ökonomischen Traumata wie die Hyperinflation von 1924 oder die Währungsreform von 1948. Das habe den »gesamten Gesellschaftskörper« durchgeschüttelt, sagt er. ­Jedes Ereignis, das unsere materielle Sicherheit bedrohen könnte, führt somit zu kollektiven Ängsten. Mich interessierte, wie wir diese Angst wieder loswerden.

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Aber ist es mit einer »geistigen Orientierung« schon getan? Das kann auch ins andere Extrem umschlagen, in eine Missachtung der »vergänglichen Dimensionen«.

Damit meinte ich das goldene Kalb des Materialismus, den Irrglauben an ewiges Wachstum und an die Glückseligkeit durch Besitz und Status. Auf der Suche nach vermeintlicher Sicherheit haben wir uns und unsere Seelen verloren. Zu den geistigen Dimensionen zähle ich auch moralische und ethische Seinsfragen sowie die Selbstreflexion. Derer wurden wir durch den Turbokapitalismus ebenso beraubt. In einem System, das nur noch beschleunigt, Druck aufbaut, Angst erzeugt und keine Zeit mehr lässt für klare Gedanken, ist ein nachhaltiges Leben und Wirtschaften unmöglich.

(…)

Martin Häusler (37) arbeitet seit 18 Jahren als Journalist. Nach Publizistik-, Geographie- und Soziologiestudium ging er zu Gruner+Jahr und zu Axel Springer. Heute ist er freier Autor.

Martin Häusler in seinen Büchern begegnen:
»Fürchtet euch nicht!« (2011) und »Die wahren Visionäre ­unserer Zeit« (2010) sind beide bei Scorpio erschienen.

Fürchtet Euch nicht! Über German Angst
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